SPD-Versammlungen im Deutschen Haus - ehemals Gasthaus Balser - in Rödgen
Im "Versammlungskalender" der damaligen Mittelhessischen Sonntagszeitung (MSZ), dessen Redaktion
Philipp Scheidemann im Jahre 1895 übernahm, werden "die Parteigenossen von Wieseck, Rödgen,
Trohe und Alten-Buseck zur diesjährigen Konferenz auf Sonntag, 30. Juli 1905, nachmittags
3 Uhr nach Rödgen in das Lokal Balser eingeladen".
So wie vor 100 Jahren, am 30. Juli 1905 nachmittags um 15 Uhr im Gasthaus Balser (heute
"Deutsches Haus"), trafen sich wieder SPD-Mitglieder aus Wieseck, Rödgen, Trohe und Alten-Buseck.
Anlass der Versammlung war 2005 aber nicht die "diesjährige Konferenz der Parteigenossen ...", wie damals in der Einladung stand, sondern die Jubiläumsfeier
"100 Jahre SPD Versammlungen in Rödgen".
Der Rödgener SPD-Vorsitzende Jürgen Becker begrüßte
vor der roten Fahne mit der Aufschrift "Proletarier aller Länder vereinigt Euch" rund 50 Gäste,
allen voran den Europaabgeordneten Dr. Udo Bullmann, den Bundestagsabgeordneten Rüdiger Veit
sowie den Landtagsabgeordneten Thorsten Schäfer-Gümbel und den Stadtrat und
SPD-Stadtverbandsvorsitzenden Gerhard Merz.
Ehrenvorsitzender Dieter Geißler und der frühere Ortsvereinsvorsitzende Heinrich Theiß waren
ebenfalls anwesend.
Die rote Fahne gehört übrigens den Genossen aus Buseck, ist mit der Jahreszahl 1905 verse-
hen und kommt ursprünglich vom Volksverein Alten-Buseck. Die Busecker Delegation hatte
die Fahne zur Überraschung der Gastgeber mitgebracht und stellten sie für die Dauer der Feier
zur Verfügung.
Wer und wann den SPD-Ortsverein Rödgen erstmals um 1900 gründete, ist nicht bekannt, bedauerte
Jürgen Becker. Alle Anstrengungen, Unterlagen aufzuspüren, die Aussagen über die konkrete
Gründung geben könnten, seien bislang gescheitert.
Von älteren Genossen und Genossinnen wisse man, daß alle Unterlagen wie z.B. Mitglieds-
karteien, Kassenbücher oder Sitzungsprotokolle und die Fahne des Ortsvereins unmittelbar nach
der nationalsozialistischen Machtübernahme versteckt oder beseitigt wurden.
Dass "sozialdemokratisches Treiben" bereits um 1900 in Rödgen
existent war, leiten die Genossen aus einer Anfrage vom Mai 1897 an die damalige Bürgermeisterei ab,
"... ob sich in Ihrer Gemeinde Personen befinden, welche bereits eine gewisse Führerrolle innerhalb der
sozialdemokratischen Partei eingenommen haben oder als zielbewusste Vertreter ihrer Lehre gelten ...".
Darüber hinaus ist die Einladung zur "diesjährigen Konferenz der Parteigenossen ..."
ein klares Indiz dafür, dass es 1905 bereits eine organisierte SPD in Rödgen gab. Heute zählt der
Ortsverein 55 Mitglieder - mit leicht steigender Tendenz; allerdings fehlt junger Nachwuchs: "Hieran arbeiten wir" meinte zuversichtlich Jürgen Becker.
Die SPD habe in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Rödgen und
auch für Gießen einiges umsetzen können, betonte der Vorsitzende und dankte Lothar Naujoks als
ehemaligem und Egon Fritz als amtierendem Stadtrat für ihre erfolgreiche, politische Arbeit.
Die Rödgener Genossen seien fast überall dabei gewesen, lobte Unterbezirksvorsitzender Thorsten
Schäfer-Gümbel den Ortsverein.
Als "gut gerüstet für die nächsten 142 Jahre" bezeichnete er die SPD. Sie müsse aber
das verloren gegangene Vertrauen zurück gewinnen.
"Schluss mit Nebendebatten und Beschimpfungen", forderte er. Und: "Wir sorgen dafür, dass die SPD
die linke Volkspartei in Deutschland bleibt".
Rödgen sei "eine der Hochburgen der Sozialdemo-
kraten im Unterbezirk" und als dessen Vorsitzender danke er herzlich für das langjährige Engagement
des Rödgener Ortsvereins.
Als kleine Anerkennung wurden dem Ortsvereinsvorsitzenden die neu geschaffene Wilhelm-Liebknecht-Urkunde
und 100 Euro als Geschenk überreicht.
Bild: Udo Bullmann, Gerhard Merz, Thorsten Schäfer-Gümbel, Jürgen Becker und Rüdiger Veit
Dr. Udo Bullmann unterstrich, die SPD sei die älteste Partei, die es nicht nötig habe, sich zu schämen.
"Die Menschen, die sich 1905 hier in diesem Raum trafen, waren Teil dieser
solidarischen Bewegung".
"Erbe ist Verpflichtung" appellierte er in seinem geschichtlichen Rückblick zu Höhen
und Tiefen der Sozialdemokratie an die Zuhörer, die sich mit lang anhaltendem Beifall
für die flammende Rede bedankten.
Im weiteren Verlaufe der Veranstaltung informierte Prof. Dieter Kraushaar über die Entwicklung
der Rödgener Infrastruktur in den letzten 100 Jahren und förderte auch so manche Anekdote zutage.
Mit dem von Erich Hof angestimmten alten Arbeiterlied "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" wurden
Erinnerungen ausgetauscht und die Stunden vergingen wie im Fluge.
Der SPD-Ortsverein Rödgen dankt in diesem Zusammenhang allen Gästen und Spendern für die ehrenden
Worte und Präsente, sowie die vielfältige Zustimmung zu unserem Engagement.
Wir werden auch weiterhin, auf der Basis unserer traditionsreichen und erfolgreichen Vergan-
genheit, allen Bürgerinnen und Bürgern, Freunden und Bekannten und nicht zuletzt
den Vereinen eine faire und sachliche Zusammenarbeit anbieten, getreu unserem Motto
... wir sind immer für Sie da.
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